40 Jahre Deutscher Herbst: „Strategisch bescheuert“

September 3, 2017 Kommentare deaktiviert für 40 Jahre Deutscher Herbst: „Strategisch bescheuert“

Anlässlich des 40. Jahrestages des sog. Deutschen Herbst hat die taz. die tageszeitung unseren Genossen Timon Simons befragt. Sie wollte von ihm wissen: Welche Bedeutung haben Baader, Meinhof und Ensslin für die radikale Linke von heute? Welchen Einfuss hatte die RAF auf seine Politisierung und warum sollte man sich heute immer noch der Auseinandersetzung mit ihr stellen.

„Strategisch bescheuert“

PROTOKOLL GESA STEEGER
Wenn man so will, bin ich ein Kind des Deutschen Herbstes. Ich bin im Oktober 1977 in Bremen geboren und der erste in meiner Familie, der Abitur hat. Meine Politisierung begann eigentlich im Konfirmandenunterricht. Meine Eltern haben mich damals dorthin geschickt mit der Ansage: Nimm das alles nicht zu wörtlich. Denk dir deinen Teil selber dazu. Für mich war das ein Moment, der vieles grundsätzlich in Frage gestellt hat. Ich habe nach Antworten gesucht und in meinem Alltag keine gefunden.
Ich habe angefangen nach Leuten zu suchen, mit denen ich reden und diskutieren konnte. Ich wollte verstehen: Wie funktioniert unsere Gesellschaft und wie konnte so ein Staat wie die DDR entstehen?
Erst habe ich es bei den Autonomen versucht, aber die wollten nicht inhaltlich schnacken. Irgendwann bin ich bei der PDS gelandet.
Vermutlich bin ich auf die RAF das erste Mal in der Schule gestoßen. Die RAF existierte Anfang der 1990er Jahre ja auch noch. So lange es sie gab, ging es in der radikalen Linken vor allem darum, wie man sich zu ihr positionierte.
Es gab so etwas wie einen Zwang: Wie, du bist nicht solidarisch mit den RAF-Gefangenen? Dann bist du gegen uns. Das war ein sehr unangenehmes Gefühl.
Ich glaube, unbewusst und indirekt beschäftigen sich alle radikal Linken mit der RAF. Die radikale Linke von heute ist letztendlich auch ein Produkt der Debatten aus den 1980er und 1990er Jahren. Da gab es ganz unterschiedliche Pole: Die K-Gruppen, die RAF, die Autonomen und die Grünen. Die Art und Weise wie die radikale Linke heute Politik betreibt ist eine Folge dieser Zeit.
Nach dem Bruch von 1989/90 begann vor allem eine Phase der selbstkritischen Aufarbeitung. Da entstand auch eine kritische Beschäftigung mit der RAF. Zum Beispiel mit ihren Bezügen auf antisemitischen Antizionismus oder nationale Bewegungen.
Wenn ich mir im Nachhinein anschaue, was die RAF gemacht hat, denke ich: politisch, inhaltlich und strategisch bescheuert. Emotional kann ich die erste Generation der RAF verstehen. Diese Ablehnung der Nazi-Elterngeneration. Dieser Wunsch nach 1968 weiterzumachen. Die Umstände waren aber auch ganz andere: Die radikale Linke vor 1989 ist davon ausgegangen – und hatte dafür auch subjektiv gute Gründe – dass die soziale Revolution nahe sei. Jedenfalls in Westeuropa glaubt das heute niemand mehr. Trotzdem ist es natürlich immer noch nötig, diese Gesellschaft revolutionär zu überwinden. Diese Gesellschaft ist auf Ausbeutung angelegt. Eine Linke, die sich grundsätzlich von Gewalt distanziert, ist eine sozialdemokratische Linke. Ich bin Kommunist, ich will diese Gesellschaft überwinden.
Für mich ist Gewalt keine Moralfrage, sondern eine taktische. Mich interessiert: Passt das gewählte Mittel inhaltlich zum Zweck meiner Politik?
Man kann aus der Geschichte der RAF verschiedene Lehren ziehen. Nämlich: So wie es stattgefunden hat, darf es nicht noch mal stattfinden. Also diese Verselbstständigung, dass sich ein kleiner militanter Kreis politisch völlig von den anderen sozialen Bewegungen abkoppelt. Andererseits hat die RAF auch gezeigt, dass es ab einem bestimmten Grad sozialer Kämpfe nicht nur nötig sondern möglich ist. Das ist auch eine wertvolle Erkenntnis.
Die heutige radikale Linke ist schwächer als sie vielleicht von außen aussieht. In den 1970er und 80er Jahren gab es eine Vielzahl sozialer Bewegungen und eine ungleich größere Linke. Und die radikale Linke hat ­versucht, ein Katalysator für diese Bewegungen zu sein. Heute ist das gesellschaftliche Kräfteverhältnis ein ganz anderes. Es gibt zwar aufsehenerregende Aktionen wie beim G20-Gipfel im Hamburger Hafen. Vielmehr aber meist auch nicht. Das Schöne ist, dass trotzdem noch so viele Leute zusammenkommen. Aber es fehlt ein gesellschaftlicher Resonanzraum.
Ich finde es gut, immer wieder mit der RAF konfrontiert zu werden. Sie gehört zu der Geschichte der Linken dazu. Ich muss zu ihr eine Position haben. Ich kann mich nicht linkspolitisch betätigen, wenn ich dazu keine Meinung habe. Das ist nicht aus Blödheit passiert. In einer konkreten historischen Situation haben Leute bestimmte Dinge gemacht. Und damit es sich so nicht wiederholt, ist es nötig, sich damit ­auseinanderzusetzen. Um es beim nächsten Mal besser zu machen. Wenn die Linke darauf immer wieder gestoßen wird und ihre einzige Reaktion ist, dass sie von der Debatte genervt ist, dann ist das ein Zeichen von inhaltlicher Unsouveränität.

Timon Simons heißt eigentlich anders. Der 39-jährige Linke ist aktiv in der Bremer Gruppe des „… ums Ganze! Bündnis“.