„Wer ein Desaster ankündigt, muss scheitern“, so titelte gestern prominent ein Artikel im Weser-Kurier. Die Einheitsfeier wird darin zum selbstverständlichsten Volksfest, ihre Gegner:innen zum nationalen Sicherheitsproblem.
1994 brannten Barrikaden, 2010 Bundeswehrautos, 2026 ein Tesla. Drei Jahrzehnte Proteste gegen die Einheitsfeierlichkeiten erscheinen so als Wiederkehr derselben „Extremisten“.
Denn würde man fragen, wogegen jeweils protestiert wurde, müsste der Weser-Kurier über die Sache reden: In den 90ern über Wiedervereinigung und nationalen Taumel vor dem Hintergrund rassistischer Pogrome und der faktischen Abschaffung des Asylrechts. 2010 über Agenda 2010, Hartz IV und Sozialabbau, die Menschen für die Konkurrenz auf dem Weltmarkt zurichteten.
Heute heißt es erneut, „wir“ hätten über „unsere“ Verhältnisse gelebt:
Sozialleistungen, Löhne und Arbeitszeiten werden daran gemessen, was der Standort verträgt. Dazu kommen Aufrüstung und antifeministischer Backlash.
Die Kritik hat sich mit ihrem Gegenstand verändert. Der Weser-Kurier nicht. Ist erst einmal geklärt, dass „Extremisten“ am Werk sind, kann der Unterschied zwischen 1994, 2010 und 2026 verschwinden: Extremist bleibt Extremist. Aus gesellschaftlichen Konflikten werden polizeiliche Lagen. Es geht um die Angst vor Kontrollverlust und um das Gewaltmonopol des Staates. Bleibt am Ende das „Desaster“ aus, ist für den Weser-Kurier der Beweis erbracht: Die Linken sind „ohne Wirkmacht“. Glück gehabt.
Die Einheitsfeier erklärt derweil eine Gesellschaft realer Gegensätze zum nationalen „Wir“. Genau dagegen richtet sich der Protest. Man kann diese Kritik falsch finden. Dann müsste man erklären, was an ihr falsch ist. Für den Weser-Kurier ist die nationale Einheit Normalität, ihre Kritiker:innen werden zum Fall für das Strafgesetzbuch. Übrig bleibt so nur die langweilige Frage: Wer kontrolliert am 3. Oktober die Innenstadt?
