Deutschland feiert leider wieder Geburtstag und Bremen darf die Party ausrichten. Schöne Scheiße. Die Innenstadt wird zur Deutschlandmeile, die Weserpromenade zur Kulisse für Fahnen, Bundeswehrromantik und nationale Selbstbespaßung. Wir finden: Da gibt es nichts zu feiern.
Während Frauenhäuser, Suchthilfe, Jugendangebote und Gesundheitsversorgung kaputtgespart werden, ist für das nationale Spektakel plötzlich Geld da. Während die Mieten steigen, die Reallöhne stagnieren und jeder Vierte in Bremen in Armut lebt, soll Schwarz-Rot-Gold wieder für gute Stimmung sorgen. Da die Realität immer weniger Anlass zur Begeisterung bietet, muss eben die Nation einspringen.
Unter dem Motto „Viele Stärken – Ein Land“ feiert die Politik genau jene miesen Verhältnisse, die sie selbst mit hervorbringen darf: Konkurrenz statt Solidarität, Aufrüstung statt sozialer Absicherung und die verstärkte Rückkehr patriarchaler Härte als gesellschaftliches Ideal.
Wir sagen: Kein Grund zum Feiern. Kommt zur Demo gegen Nationalismus und Deutschtümelei – laut, wütend, antinational.
Save the Date: 2.10.2026. Weitere Informationen folgen.

Inhaltsverzeichnis
Alles harmlos außer Nazis?
Patriotismus, Heimatliebe, Stolz oder Leitkultur sind verschiedene Begriffe für dasselbe gesellschaftliche Verhältnis: Nationalismus. Ein vermeintlich unverkrampfter oder weltoffener Patriotismus ist aber nicht und war noch nie harmlos. Der ‘Sommermärchenpatriotismus’ von 2006 bereitete jener nationalen Normalisierung den Boden, auf der seither autoritäre und rechte Kräfte aufbauen.
Nationalismus funktioniert allerdings nicht bloß als Manipulation von oben, sondern beruht auf einer realen materiellen Grundlage. In einer kapitalistischen Gesellschaft, in der Menschen permanent um Arbeit, Wohnraum, Anerkennung und Zukunftssicherheit konkurrieren, erscheint die nationale Gemeinschaft als scheinbarer Ausweg aus Vereinzelung und Ohnmacht. Das Interesse am Erfolg des eigenen Staates und der eigenen Nation wirkt dann wie das eigene Interesse.
Nationalismus muss dazu immer ein Innen und ein Außen erzeugen. Wer nicht zur Nation gehört, wird zur Bedrohung, Konkurrenz oder Belastung erklärt, ausgebeutet, ausgeschlossen oder an den Außengrenzen sterben gelassen. Wer sich dagegen mit der Nation identifiziert, sagt damit immer auch Ja zu den Herrschafts- und Gewaltverhältnissen, die sie zusammenhalten.
Wer mitmacht hat nichts zu befürchten? Oh doch!
Nach Innen wurde der soziale Frieden in der Vergangenheit durch sozialen Ausgleich und die Einbindung von Teilen der Lohnabhängigen in den Massenkonsum hergestellt. Das konnte funktionieren, weil es der nationalen Ökonomie sehr gut ging: Industrielles Wachstum, fossile Energie und erfolgreiche Weltmarktkonkurrenz ermöglichten es, Sozialstaat und Standortpolitik zu verbinden.
Heute bestehen diese Grundlagen nicht mehr. Klimawandel, Ressourcenknappheit, fragile Lieferketten und geopolitische Machtverschiebungen schränken den Wirtschaftsstandort und die Möglichkeit, sozialen Frieden zu erkaufen, in Deutschland ein. Um die Konkurrenzfähigkeit des Standorts zu sichern, werden nun diejenigen, die nicht leistungsfähig oder -willig sind, immer stärker abgewertet und sanktioniert. Bei Suchthilfe, Jugendangeboten, Frauenhäusern und in der Gesundheitsversorgung wird gekürzt. Für diejenigen, die noch nicht auf diese Angebote angewiesen sind, sinken oder stagnieren die Reallöhne – über ihnen schwebt andauernde Abstiegsangst. Die Logik dieser permanenten Drohung formulierte SPD-Chefin Bärbel Bas kürzlich bemerkenswert offen: „Wer mitmacht hat nichts zu befürchten.“ Mitmachen heißt dabei nicht nur arbeiten und konsumieren. Gerade von jungen Menschen wird zunehmend erwartet, sich in den Dienst des Standortes zu stellen: durch Leistungsdruck in Schule, Ausbildung und Beruf, durch „gesellschaftliche Pflichtjahre“ oder die Rückkehr der Wehrpflicht. Während soziale Sicherheiten schwinden, wachsen die Erwartungen an jene, die die Folgen der Krise tragen sollen.
Kein Frieden mit der Nation
Nach außen hin sind Nationen, bzw. Staaten, Konkurrenten um Märkte, Rohstoffe, Handelswege, Einflusszonen und geopolitische Macht. Frieden war in dieser Ordnung nie die Überwindung der Konkurrenz, sondern immer nur ihre zeitweise Regulierung. Dabei ist der Nationalismus der anderen oft leicht durchschaubar: die russische Großmachtfantasie, das America First, usw. Schwieriger ist es, die eigene nationale Mobilisierung als Teil derselben Logik zu erkennen – gerade dort, wo sie als “Anwalt des Völkerrechts” auftritt. Die zunehmend militärisch ausgetragene Staatenkonkurrenz spiegelt sich nach innen als Militarisierung der Gesellschaft wider. Während Milliarden in Panzer, Munition und Rüstungsproduktion fließen, wird die Bevölkerung Schritt für Schritt auf die neue Lage eingeschworen: Wehrpflichtdebatte, Reservistendienst, Veteranentag. Krieg soll wieder als etwas erscheinen, auf das man vorbereitet sein muss – und junge Menschen als diejenigen, die ihn im Zweifel führen sollen.
Abstiegsdrohung und Militarisierung befeuern wiederum einen zunehmend autoritäreren Nationalismus: Der Druck zur Selbstoptimierung auf der einen und die Abstiegsängste und Vereinzelung auf der anderen Seite erzeugen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Orientierung. Die Nation bietet beides an: die autoritäre Fantasie, gesellschaftliche Widersprüche durch Stärke, Kontrolle und militärische Disziplin beherrschen zu können. Opferbereitschaft, Wehrhaftigkeit und Durchsetzungsfähigkeit erscheinen wieder als gesellschaftliche Tugenden und prägen nicht zuletzt das Geschlechterverhältnis – schon patriarchal genug, kommt es zu immer mehr Backlash.
“Ein Mann bleibt ein Mann und ein Hund bleibt ein Hund” – Ikkimel
Soldatische Männlichkeit heißt: hart sein. Gegen andere – und gegen sich selbst. Empathie, Fürsorge oder Verletzlichkeit werden abgewertet, während Härte, Durchsetzungsfähigkeit und Gehorsam wieder als Tugenden gefeiert werden. Das passt gut zu einer Gesellschaft, die ihre Krisen zunehmend mit Konkurrenz, Disziplin und militärischer Stärke beantworten will.
Die Nation verspricht also Zugehörigkeit, aber nur um den Preis einer autoritären Ordnung, die auf traditionellen Geschlechterrollen beruht. Wer stark sein soll, braucht auch jene, die geschützt, geführt oder ausgeschlossen werden. Nationalismus und traditionelle Geschlechterrollen gehören deshalb seit jeher zusammen.
Ein Blick auf die zunehmenden Angriffe auf reproduktive Rechte zeigt das deutlich. Das Fortbestehen der Nation wird regelmäßig zur Frage von Geburtenraten erklärt. Wo die Bevölkerung zum nationalen Interesse wird, geraten auch die Körper derjenigen ins Visier, die Kinder bekommen können. Nation bedeutet deshalb immer auch Bevölkerungspolitik.
Ist das Volk mal weg, hat es wieder Platz für Menschen
Das Motto des diesjährigen Bürgerfests „Viele Stärken – Ein Land“ heißt Verzicht, Konkurrenz, patriarchale Härte. Zwischen Ländermeile, Blaulichtmeile, Bundeswehrpräsentation und Demokratiespektakel wird nationale Einheit zur ideologischen Antwort auf die Krise des Standortes inszeniert. Was dort gefeiert wird, sind Sozialabbau, Militarisierung, Antifeminismus. Nationalismus ist keine Antwort auf die Krise. Er ist die Form, in der die Krise verwaltet wird. Aus den Sorgen der Einzelnen wird die Sorge um Deutschland. Zeit, diesen Spieß umzudrehen. Kommt deshalb mit uns auf die Straße gegen die Einheitsfeierlichkeiten – laut, wütend, antinational – um die Leute daran zu erinnern, dass sie vor allem Menschen und nicht (nur) Deutsche sind. Das Spektakel des Nationalismus zum Desaster machen!
