38 % der Arbeiter*innen wählten bei der letzten Bundestagswahl die AfD, deutlich mehr als die 22 % für die CDU und 12 % für die SPD. Auch unter Angestellten stieg die Unterstützung.
Gleichzeitig erlebt der „Arbeiterkult“ in der radikalen Linken eine Renaissance, kaum ein Teilbereich dem nicht das Wort „proletarisch“ angeklebt wird. Wer sonst außer Lohnarbeitenden, also denen, die auf Grund ihrer gesellschaftlichen Lage als Ausgebeutete ein objektives Interesse an der Abschaffung des Kapitalismus haben, sollten dafür gewonnen werden?
Doch es gibt keinen Anlass für einen solchen Hype, das wissen alle, die betrieblich aktiv sind. Gewerkschaftliche Organisierung ist kein Garant gegen rechte Ansichten: Fast 22 % der Gewerkschaftsmitglieder wählten die AfD, mehr als der Anteil bei der Gesamtwahl. In der IG Metall Nord wurde eine Stelle geschaffen, um rechte Aktivitäten systematisch zu erfassen.

“Zugleich graben – wenn auch kaum wahrnehmbar – rechte Scheingewerkschaften und alternative Betriebsräte den etablierten Strukturen das Wasser ab. ”
“Gewerkschaften: Weder rot noch ein Bollwerk gegen rechts”, Christian Lelek, nd, 28.02.2025
Wie kommt das? Große Teile der DGB-Gewerkschaften haben Jahrzehnte die nationalistische Strategie der Sozialpartnerschaft verfolgt. Sie ging davon aus, die gegensätzlichen Interessen von Lohnarbeitenden und Unternehmen zum gemeinsamen Vorteil wenden zu können.
In den Krisenzeiten bleibt davon außer Nullrunden nicht viel übrig. An den Nationalismus können Rechte mit ihrem Gelaber von Volk und Nation aber anknüpfen.
Doch dies ist nur ein Teil der Wahrheit. Es gibt Branchen wie zum Beispiel Gesundheit, Soziales und Bildung in denen Aktive vom Gegenteil berichten. Die Strukturen vieler DGB-Gewerkschaften sind das Rückgrat des organisierten Antifaschismus.
Das zeigt, dass wir „das Proletariat“ nicht schematisch betrachten dürfen. Erst die aktualisierte Klassenanalyse der operaistischen Linken in Italien der 70er Jahre befähigte sie, sich strategisch so in soziale Kämpfe einzubringen, dass diese eine Gefahr für Staat und Kapital wurden.

“Diese Analyse muss über die allgemeinsten Grundlagen hinausgehen. Sie systematisch durchführen, die Art der Rückwirkungen, die Entwicklungen der kapitalistischen Krise auf jede soziale Klasse und Schicht hat, untersuchen, heißt, der proletarischen Avantgarde eine unersetzbare Waffe in die Hand zu geben.”
Zur Strategie und Organisation von “Lotta continua”, Adriano Sofri / Luciano Della Mea, 1971, Merve Verlag
Davon sind wir heute weit entfernt. Wenn wir den Rechtsruck verstehen und zurückdrängen wollen, müssen wir sowohl die betriebliche Arbeit als auch die Aktualisierung unserer Klassenanalyse vorantreiben – ohne reflexhafte Ablehnungen oder Idealisierungen. Wir haben noch so viel zu tun bis zur Niederlage der AfD – packen wir es an!